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Hundert Tage

Hundert Tage

von Lukas Bärfuss 2008 197 Seiten
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Plot Summary

Der gebrochene Mann

Ein Mann, gezeichnet von Schuld

David Hohl, ein Schweizer Entwicklungshelfer, sitzt nach den Ereignissen in Ruanda als gebrochener Mann in der winterlichen Schweiz. Sein Gegenüber, ein alter Schulfreund, erkennt in ihm die Spuren einer tiefen inneren Zerrüttung, die nicht von außen sichtbar ist. David wirkt äußerlich gefasst, doch seine Erinnerungen an die hundert Tage im Haus Amsar, während des Genozids in Ruanda, lasten schwer auf ihm. Er spricht stockend, verschweigt vieles, und die Frage nach seiner Schuld und seinem Anteil an der Katastrophe bleibt unausgesprochen im Raum. Die Erzählung beginnt mit der Suche nach Erklärungen für das Unfassbare und dem Versuch, das eigene Handeln zu rechtfertigen – und endet in der Erkenntnis, dass es keine einfachen Antworten gibt.

Gerechtigkeit und Verrat

Idealismus trifft auf Realität

David beschreibt seine Motivation, nach Ruanda zu gehen: ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden und der Wunsch, die Welt zu verbessern. Doch schon früh wird klar, dass die Realität der Entwicklungshilfe von Verrat, Selbsttäuschung und institutioneller Blindheit geprägt ist. Die Szene mit Pauls Wanderschuhen symbolisiert die heimliche Vorbereitung auf das Unheil, das alle kommen sahen, aber niemand offen aussprach. David bleibt zurück, getrieben von Stolz, Liebe zu Agathe und dem Bedürfnis, kein Feigling zu sein. Die ersten Tage im belagerten Haus Amsar sind geprägt von Angst, Hunger, Dunkelheit und der allmählichen Erkenntnis, dass das Konzept von Gerechtigkeit inmitten von Gewalt und Chaos zerbricht.

Ankunft in Kigali

Erste Begegnungen, erste Enttäuschungen

Davids Ankunft in Kigali ist von Unsicherheit und Fremdheit geprägt. Die Stadt erscheint ihm geordnet, fast langweilig, und die Arbeit in der Direktion ist bürokratisch und sinnentleert. Die Begegnung mit Agathe am Flughafen in Brüssel hinterlässt eine tiefe Kränkung: Sein Versuch, Zivilcourage zu zeigen, wird von ihr mit Verachtung quittiert. Diese Demütigung prägt sein Verhältnis zu ihr und zu sich selbst. Die Entwicklungshilfe entpuppt sich als ein System, das mehr auf Selbsterhalt und symbolische Gesten als auf echte Veränderung ausgerichtet ist. David sucht nach Sinn, findet aber nur Routine und die ersten Risse im Bild der heilen Welt.

Haus Amsar und Privilegien

Leben im Luxus, fern der Realität

Das Haus Amsar, Davids neue Unterkunft, steht sinnbildlich für die privilegierte Blase der Entwicklungshelfer. Während draußen Armut und politische Spannungen wachsen, genießt David Komfort, Dienstwagen und gesellschaftliches Ansehen. Die Projekte der Direktion erscheinen zunehmend als sinnlose Rituale, die den Status quo erhalten. Begegnungen mit Einheimischen und Kollegen wie dem kleinen Paul offenbaren die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Entwicklungshilfe wird zur Bühne für Selbstinszenierung, während die eigentlichen Probleme des Landes – Überbevölkerung, Landnot, ethnische Spannungen – ungelöst bleiben.

Begegnung mit Agathe

Faszination und Missverständnisse

Agathe bleibt für David ein Rätsel: stolz, widersprüchlich, zwischen den Kulturen zerrissen. Ihre Ablehnung und ihr Spott treffen ihn tief, doch gleichzeitig zieht sie ihn magisch an. Die Beziehung ist geprägt von Missverständnissen, Projektionen und dem Versuch, sich gegenseitig zu retten oder zu verändern. Agathe steht für die Komplexität Ruandas: Sie ist modern und traditionell, Opfer und Täterin, voller Sehnsucht nach Europa und doch gefangen in den Zwängen ihrer Herkunft. Ihre wechselnden Masken spiegeln die Unmöglichkeit, inmitten von Gewalt und Misstrauen eine echte Verbindung zu finden.

Die Entwicklungshilfe-Illusion

Selbsttäuschung und institutionelle Blindheit

Die Direktion für Entwicklungszusammenarbeit sieht sich als Motor des Fortschritts, doch tatsächlich perpetuiert sie koloniale Strukturen und Abhängigkeiten. Die Projekte – von Forstwirtschaft bis Radioprogrammen – dienen oft mehr der Legitimation der eigenen Existenz als dem Wohl der Bevölkerung. Die Helfer sind gefangen in Routinen, Rivalitäten und dem Bedürfnis, sich als Retter zu fühlen. Die politische Realität wird ausgeblendet, die Warnzeichen des kommenden Unheils ignoriert. Die Entwicklungshilfe wird zur Farce, in der die eigentlichen Opfer und Täter unsichtbar bleiben.

Die Masken der Stadt

Kigali als Bühne der Täuschung

Kigali erscheint als Stadt der Masken: Hinter der Fassade von Ordnung und Sauberkeit brodelt die Gewalt. Die Einheimischen passen sich an, verbergen ihre wahren Loyalitäten und Ängste. Die Expats leben in einer Parallelwelt, abgeschottet von der Realität, und pflegen ihre eigenen Rituale und Intrigen. Die ethnischen Spannungen sind allgegenwärtig, werden aber von den Ausländern kaum verstanden. Die Stadt wird zum Symbol für die Unmöglichkeit, das Fremde wirklich zu begreifen – und für die Gefahr, sich in der eigenen moralischen Überlegenheit zu verlieren.

Goldmanns Tod und Schuld

Verlust, Verantwortung und Verdrängung

Der Unfalltod des Forstexperten Goldmann wird zum Auslöser für eine Kette von Schuldzuweisungen und Selbstzweifeln. Die Hilflosigkeit der Entwicklungshelfer angesichts von Krankheit, Tod und Korruption wird offensichtlich. Die Versuche, Ordnung und Sinn zu stiften, scheitern an der Realität. Goldmanns Tod wird zum Menetekel für das Scheitern der gesamten Mission. Die Frage nach persönlicher Verantwortung, nach der Grenze zwischen Helfen und Schaden, drängt sich auf – und bleibt unbeantwortet.

Missland und die Expats

Zynismus, Hedonismus und moralische Ambivalenz

Missland, der ehemalige Entwicklungshelfer, verkörpert den Zynismus und die moralische Flexibilität vieler Expats. Er lebt hemmungslos, nutzt seine Privilegien aus und rettet am Ende doch mehr Menschen als die rechtschaffenen Kollegen – aus rein egoistischen Motiven. Die Gemeinschaft der Ausländer ist geprägt von Konkurrenz, Klatsch und einer Mischung aus Faszination und Verachtung für das Gastland. Die Grenzen zwischen Opfer und Täter, Gut und Böse, verschwimmen. Die Entwicklungshilfe wird zur Bühne für persönliche Dramen und moralische Kompromisse.

Die Ordnung der Gewalt

Strukturierter Wahnsinn und bürokratischer Mord

Der Völkermord in Ruanda wird nicht als chaotischer Ausbruch, sondern als perfekt organisierte Hölle beschrieben. Die Gewalt folgt einer bürokratischen Logik, Listen werden geführt, Aufgaben verteilt, und jeder kennt seinen Platz. Die Entwicklungshilfe hat ungewollt zur Effizienz dieses Systems beigetragen, indem sie Verwaltung, Logistik und Disziplin gefördert hat. Die Täter sind keine Monster, sondern gewöhnliche Menschen, die ihre Arbeit tun – und darin liegt das eigentliche Grauen. Die Ordnung wird zum Werkzeug des Bösen.

Der Papstbesuch und das Chaos

Massen, Macht und Kontrollverlust

Der Besuch des Papstes wird zum Symbol für die explosive Mischung aus religiösem Eifer, politischer Manipulation und sozialer Spannung. Die Menschenmassen geraten außer Kontrolle, und David erlebt am eigenen Leib, wie dünn die Schicht der Zivilisation ist. Die Ereignisse markieren den Übergang von der scheinbaren Normalität zum offenen Chaos. Die Entwicklungshilfe erweist sich als machtlos, die Expats als Zuschauer eines Dramas, das sie nicht verstehen und nicht beeinflussen können.

Liebe im Schatten des Krieges

Begehren, Gewalt und Entfremdung

Die Beziehung zwischen David und Agathe wird intensiver, aber auch dunkler. Sex wird zum Mittel, Angst und Ohnmacht zu betäuben, aber auch zum Schauplatz von Macht, Scham und Aggression. Agathe radikalisiert sich, übernimmt die Sprache und den Hass der Milizen. David ist fasziniert und abgestoßen zugleich, unfähig, sich zu lösen. Die Liebe wird zum Spiegel der gesellschaftlichen Zerrissenheit, zum Ort, an dem sich die Gewalt des Außen in das Intimste einschreibt.

Die Spaltung der Gesellschaft

Ethnische Identität und tödliche Loyalitäten

Die Gesellschaft Ruandas zerfällt in Kurze und Lange, Hutu und Tutsi, Opfer und Täter. Die Identitätskarten werden zu Todesurteilen, die Sprache zum Werkzeug der Ausgrenzung und Hetze. Die Entwicklungshilfe steht hilflos vor der Eskalation, gefangen in der eigenen Neutralität und dem Unvermögen, Partei zu ergreifen. Die Gewalt wird zur neuen Ordnung, und jeder muss sich entscheiden, auf welcher Seite er steht – oder untergehen.

Der Krieg beginnt

Zusammenbruch der Ordnung, Beginn des Grauens

Mit dem Abschuss der Präsidentenmaschine bricht die Hölle los. Die Milizen übernehmen die Kontrolle, die Straßen sind von Leichen gesäumt, und die Ausländer werden evakuiert. David bleibt zurück, gefangen zwischen Angst, Schuld und dem Wunsch, Agathe zu retten. Das Haus Amsar wird zum letzten Zufluchtsort, während draußen das Morden tobt. Die Hilflosigkeit angesichts der entfesselten Gewalt wird zum zentralen Erlebnis – und zur Quelle lebenslanger Schuld.

Die dunkle Verwandlung Agathes

Radikalisierung, Hass und Verlust

Agathe wird zur Anführerin, zur Stimme der Gewalt, zur Täterin. Ihre Verwandlung ist schleichend, aber unumkehrbar. Sie übernimmt die Sprache der Milizen, hetzt gegen die Feinde, verliert jede Empathie. David erkennt zu spät, dass er sie nicht retten kann – und dass auch seine Liebe sie nicht vor dem Abgrund bewahrt. Die persönliche Tragödie spiegelt die kollektive Katastrophe: Niemand bleibt unschuldig, niemand unversehrt.

Die Lektion des Bussards

Tierische Metaphern und moralische Ambivalenz

Der Bussard, den David rettet und füttert, wird zum Symbol für die Ambivalenz von Fürsorge und Gewalt. Als er erkennt, dass der Vogel sich von menschlichen Leichenteilen ernährt, tötet er ihn – und spürt dabei eine seltsame Befriedigung. Die Szene steht für die Unmöglichkeit, im Angesicht des Bösen unschuldig zu bleiben. Die Grenzen zwischen Opfer, Täter und Zuschauer verschwimmen, und jede Handlung ist von Schuld durchdrungen.

Die Hölle von Kigali

Überleben, Schuld und das Ende der Illusionen

Die letzten Tage in Kigali sind geprägt von Hunger, Durst, Angst und der allmählichen Auflösung aller Gewissheiten. David erlebt die völlige Entmenschlichung, die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden, die Allgegenwart des Todes. Die Entwicklungshilfe, die einst als Hoffnungsträger galt, ist zur Farce geworden. Am Ende bleibt nur das nackte Überleben – und die Erkenntnis, dass auch die besten Absichten im Strudel der Gewalt untergehen.

Flucht, Lager und Rückkehr

Exil, Beobachtung und bittere Bilanz

David flieht mit den Milizen ins Exil, erlebt die Lager von Goma und Bukavu, wo die Täter zu Opfern werden und die Hilfsorganisationen das Elend verwalten. Er findet Agathe sterbend wieder, erkennt in ihrem Tod die endgültige Niederlage aller Illusionen. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz bleibt ihm nur die Erinnerung, die Schuld und die Frage, ob es je möglich war, das Richtige zu tun. Die Geschichte endet mit der bitteren Einsicht, dass auch die Unschuldigen im Blut schwimmen – und dass die Ordnung, auf die man so stolz war, zur Voraussetzung des Grauens wurde.

Characters

David Hohl

Idealist, Getriebener, Schuldtragender

David Hohl ist der Protagonist und Ich-Erzähler, ein Schweizer Entwicklungshelfer, der mit hohen Idealen nach Ruanda kommt. Er ist geprägt von einem tiefen Gerechtigkeitssinn, aber auch von Unsicherheit, Selbstzweifeln und dem Bedürfnis, sich zu beweisen. Seine Beziehung zu Agathe ist von Begehren, Missverständnissen und Projektionen geprägt. Im Verlauf der Geschichte wird David zum Zeugen und Mitwisser des Genozids, gefangen zwischen Hilflosigkeit, Angst und der Unmöglichkeit, das Richtige zu tun. Psychologisch ist er ein Mensch, der an der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zerbricht, dessen Schuldgefühl ihn auch nach der Rückkehr nicht loslässt. Seine Entwicklung ist eine Abwärtsbewegung von Idealismus zu Desillusionierung und Selbstanklage.

Agathe

Rätselhaft, zerrissen, Opfer und Täterin

Agathe ist Davids große Faszination und zugleich sein Spiegel. Sie ist stolz, widersprüchlich, zwischen Europa und Afrika, Moderne und Tradition hin- und hergerissen. Ihre Beziehung zu David ist von Distanz, Spott und später von Leidenschaft und Gewalt geprägt. Im Verlauf der Handlung radikalisiert sie sich, übernimmt die Sprache und den Hass der Milizen und wird zur Täterin. Gleichzeitig bleibt sie ein Opfer der Umstände, gefangen in familiären und gesellschaftlichen Zwängen. Psychologisch ist Agathe ein Symbol für die Komplexität Ruandas: Sie vereint Opfer- und Täterrolle, Sehnsucht und Hass, Liebe und Zerstörung. Ihr Tod im Lager markiert den endgültigen Verlust aller Hoffnung.

Der kleine Paul

Pflichtbewusster Bürokrat, tragischer Helfer

Paul ist Davids Vorgesetzter und Mentor in der Direktion. Er verkörpert die protestantische Arbeitsmoral, Anpassungsfähigkeit und den Glauben an Ordnung und Disziplin. Seine Leidenschaft für Mineralien steht für seine Sehnsucht nach Struktur in einer chaotischen Welt. Paul ist loyal, aber auch blind für die politischen Realitäten und die Grenzen der Entwicklungshilfe. Seine persönliche Tragödie – die Infektion mit HIV nach einem Seitensprung – spiegelt die Zerbrechlichkeit der moralischen Gewissheiten. Am Ende bleibt er als gebrochener Mann zurück, der an der eigenen Ohnmacht und Schuld zerbricht.

Missland

Zyniker, Hedonist, paradoxer Retter

Missland ist ein ehemaliger Entwicklungshelfer, der sich von allen moralischen Ansprüchen verabschiedet hat. Er lebt hemmungslos, nutzt seine Privilegien aus und pflegt einen zynischen Blick auf die Welt. Trotz (oder gerade wegen) seiner Skrupellosigkeit rettet er am Ende mehr Menschen als die rechtschaffenen Kollegen – aus rein egoistischen Motiven. Missland steht für die Ambivalenz der Expats, für die Mischung aus Faszination, Verachtung und Anpassung an das Gastland. Psychologisch ist er ein Spiegel für Davids verdrängte Wünsche und Ängste.

Théoneste

Überlebenskünstler, Täter, Spiegel der Gewalt

Théoneste ist Davids Gärtner und später sein Versorger während der Belagerung. Er ist ein typischer Vertreter der einfachen Leute, die sich den wechselnden Machtverhältnissen anpassen. Im Genozid wird er zum Täter, tötet aus Pflichtgefühl und Gruppenzwang. Seine Rechtfertigungen sind banal, seine Schuld alltäglich. Théoneste steht für die Banalität des Bösen, für die Fähigkeit gewöhnlicher Menschen, sich an das Grauen zu gewöhnen und es zu rationalisieren. Sein Tod durch die Hand der eigenen Gruppe ist die logische Konsequenz der allumfassenden Gewalt.

Marianne

Strenge Koordinatorin, Symbol der Institution

Marianne ist die Leiterin der Direktion in Kigali, eine Frau, die sich ganz ihrer Arbeit verschrieben hat. Sie ist streng, unnahbar, körperlich und seelisch versehrt. Ihre Loyalität gilt der Institution, nicht den Menschen. Sie steht für die Blindheit und Selbstgenügsamkeit der Entwicklungshilfe, für die Unfähigkeit, auf die Eskalation der Gewalt angemessen zu reagieren. Psychologisch ist sie eine tragische Figur, die an der eigenen Unbeweglichkeit und Einsamkeit zerbricht.

Goldmann

Verlorener Experte, Opfer der Umstände

Goldmann ist ein Forstexperte, der an seiner Aufgabe und an sich selbst scheitert. Sein Unfalltod wird zum Symbol für das Scheitern der Entwicklungshilfe insgesamt. Er ist ein Mann, der an der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zerbricht, unfähig, sich anzupassen oder Hilfe zu suchen. Sein Tod löst Schuldgefühle und Selbstzweifel bei den Kollegen aus und markiert den Beginn des endgültigen Zerfalls der Gemeinschaft.

Vince

Vom Opfer zum Täter, verlorene Jugend

Vince ist ein junger Mann, der zunächst als schüchterner Kellner erscheint und später zum Anführer einer Miliz wird. Seine Verwandlung steht für die Radikalisierung einer ganzen Generation, die im Strudel der Gewalt ihre Unschuld verliert. Vince ist weder Monster noch Held, sondern ein Produkt der Umstände, getrieben von Angst, Gruppenzwang und dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Psychologisch ist er ein Symbol für die Verführbarkeit des Menschen und die Zerbrechlichkeit moralischer Grenzen.

Jeannot

Unsichtbarer Strippenzieher, Symbol der Macht

Jeannot ist der Schweizer Berater des Präsidenten, eine undurchsichtige, mächtige Figur im Hintergrund. Er verkörpert die Verstrickung der Entwicklungshilfe in die politischen Strukturen des Landes, die Nähe zur Macht und die moralische Ambivalenz der Institutionen. Jeannot bleibt rätselhaft, sein Einfluss ist groß, aber seine Verantwortung bleibt im Dunkeln. Psychologisch steht er für die Versuchung, sich mit dem Bösen zu arrangieren, solange es dem eigenen Nutzen dient.

Erneste

Stille Dienerin, Opfer der Verhältnisse

Erneste ist die Haushälterin im Haus Amsar, eine Frau aus dem Süden, die sich und ihre Familie mit harter Arbeit über Wasser hält. Sie ist loyal, leidensfähig und wird am Ende zum Opfer der Gewalt. Ihr Tod durch die Hand von Théoneste ist ein Beispiel für die Willkür und Grausamkeit des Genozids, in dem niemand sicher ist. Erneste steht für die Unsichtbaren, die im Strudel der Geschichte untergehen, ohne je eine Stimme gehabt zu haben.

Plot Devices

Wechselnde Erzählperspektiven und Zeitebenen

Erinnerung, Rückblende und Gegenwart verschmelzen

Der Roman nutzt eine komplexe Erzählstruktur, in der Gegenwart und Vergangenheit, Reflexion und Handlung ineinanderfließen. Davids Bericht ist durchsetzt von Rückblenden, inneren Monologen und Dialogen, die die psychologische Tiefe und Zerrissenheit der Figuren verdeutlichen. Die wechselnden Perspektiven ermöglichen es, die Ereignisse aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und die Ambivalenz von Schuld, Verantwortung und Ohnmacht zu zeigen. Die Struktur spiegelt die Unmöglichkeit, das Geschehene zu ordnen oder zu verstehen.

Symbolik und Metaphern

Tiere, Gegenstände und Rituale als Spiegel der Gewalt

Der Roman arbeitet mit starken Symbolen: Der Bussard steht für die Ambivalenz von Fürsorge und Gewalt, das Haus Amsar für die Blase der Privilegierten, die Identitätskarte für die tödliche Macht der Bürokratie. Rituale wie das Bastkörbchenduell oder die Schnitzeljagden der Expats spiegeln die Absurdität und Selbstbezogenheit der Entwicklungshilfe. Die Metaphern machen die psychologischen und gesellschaftlichen Mechanismen der Gewalt sichtbar.

Foreshadowing und Ironie

Vorahnung, Selbsttäuschung und bittere Erkenntnis

Immer wieder werden kommende Katastrophen angedeutet: Die Wanderschuhe, die Vorräte, die Gespräche über Ordnung und Disziplin. Die Figuren ahnen das Unheil, verdrängen es aber oder glauben, es kontrollieren zu können. Die Ironie liegt darin, dass gerade die Tugenden, auf die man so stolz ist – Ordnung, Fleiß, Disziplin – zur Voraussetzung des Grauens werden. Die Entwicklungshilfe wird zum unfreiwilligen Komplizen der Gewalt.

Spiegelungen und Doppelungen

Parallelen zwischen Privatleben und Gesellschaft

Die Beziehungen zwischen den Figuren spiegeln die gesellschaftlichen Konflikte: Die Liebe zwischen David und Agathe ist geprägt von Macht, Missverständnissen und Gewalt, wie die Beziehung zwischen Hutu und Tutsi. Die Entwicklungshilfe spiegelt die koloniale Vergangenheit, die Lager das Exil der Täter. Die Doppelungen machen deutlich, dass es keine klare Trennung zwischen Gut und Böse, Opfer und Täter gibt.

Analysis

Moderne Analyse: Schuld, Ohnmacht und die Banalität des Bösen

„Hundert Tage" von Lukas Bärfuss ist ein schonungsloser Roman über den Genozid in Ruanda – und über die Rolle der westlichen Entwicklungshilfe, die sich in ihrer eigenen Moralität verfängt und zum Komplizen des Bösen wird. Der Roman dekonstruiert den Mythos der Unschuld, zeigt, wie leicht Ideale in Selbsttäuschung, Zynismus und Schuld umschlagen. Die Figuren sind keine Helden, sondern Getriebene, die an der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zerbrechen. Die Gewalt erscheint nicht als Ausnahme, sondern als logische Konsequenz einer Ordnung, die auf Ausschluss, Disziplin und Bürokratie basiert. Die Entwicklungshilfe wird entlarvt als System, das mehr sich selbst als den Menschen dient. Die zentrale Lektion: Es gibt keine Unschuld im Angesicht des Bösen, und die größte Gefahr liegt in der Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen. Der Roman ist eine bittere, aber notwendige Reflexion über Verantwortung, Mitläufertum und die Abgründe der Zivilisation.

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Rezensionen

3.7 von 5
Durchschnitt von 857 Bewertungen von Goodreads und Amazon.

Hundert Tage by Lukas Bärfuss explores the 1994 Rwandan genocide through a Swiss development worker's perspective. Reviewers praise its unflinching depiction of horror and critique of Western intervention, particularly Switzerland's role. The novel combines historical documentation with fiction, examining how well-intentioned aid inadvertently facilitated genocide. Readers appreciate the brutal honesty and moral complexity, though some find the protagonist unsympathetic and the narrative structure disjointed. Many note graphic content and challenging prose. Despite mixed reactions to execution, most agree it's a powerful, thought-provoking examination of Western complicity, development aid's dangers, and humanity's capacity for evil.

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Über den Autor

Lukas Bärfuss was born in 1971 in Thun, Switzerland. He is a distinguished Swiss writer, playwright, theater director, and dramaturge whose work spans multiple literary and theatrical forms. His novel about the Rwandan genocide demonstrates his commitment to addressing difficult historical and moral questions through fiction. Bärfuss's writing style is characterized by sharp intelligence, unflinching honesty, and willingness to critique his own country's actions. He gained wider recognition in the German-speaking world, including nomination for the German Book Prize for his work "Koala." His literary approach combines thorough research with provocative narratives that challenge readers' perspectives on morality, complicity, and Western intervention in global conflicts.

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